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„Südländer Typ 2“
AusWeisKontrolle
15. Juni 2011
KunstAktion in Berliner U-Bahn- und S-Bahnzügen
im Rahmen der Ausstellung „Making Mirrors“ in der NGBK Berlin
Idee und Konzept: Wolfram P. Kastner
Realisierung: AG Making Mirrors Film- und Fotodokumentation: Maximiliane
Mihajlovic, Patrycja Srokosz, Pablo Hermann, Juan-Pablo Diaz, Marcelo
Arteaga,
Filmschnitt: Branka Pavlovic
„Südländer Typ 2“: Jonathan Aikins
Fahnder: Eva Maria Brück-Neufeld, Robert Huber, Wolfram P. Kastner
Mit der Aktion wurde in ruppiger Form eine Ausweiskontrolle durch
zivile Fahnder
in öffentlichen Verkehrsmitteln an einer Person durchgeführt, die
dem
Fahndungsmuster der Polizei „Südländer Typ 2“ entspricht und sich
möglicherweise illegal in Deutschland aufhält. Dabei galt unser
Interesse insbesondere dem
Verhalten und der Bereitschaft der Fahrgäste, sich einzuschalten.
Um einen unmittelbaren Kontakt zu den konfrontierten Fahrgästen
zu ermöglichen, wurde die Aktion nicht angemeldet, da wir sonst
vermutlich durch zivile und/oder uniformierte „Sicherheitskräfte“
vom Publikum abgeschirmt worden wären.
Die Ausweiskontrollen sollten so realistisch wie möglich wirken.
Die Kontrolleure kleideten sich unauffällig und nahmen z.B. Ohrring
und Bart ab.
Am Tag vor der Aktion bereiteten wir uns durch Rollenspiele und
Sprechproben vor.
Dabei kam uns eine Kollegin zu Hilfe, die Schauspielerin ist und
uns den richtigen Polizeigriff zeigen konnte. Die Zielperson „Südländer
Typ 2“ hat bereits mehrfach ähnliche Kontrollsituationen erlebt
und konnte aus persönlicher Erfahrung vieles zur realistischen Gestaltung
der Aktion beitragen.
Wir konnten innerhalb von dreieinhalb Stunden sieben mal die Szene
in Zügen der
Berliner S- und U-Bahnen durchführen und dokumentieren.
Ablauf der Interventionen / Drehbuch:
S (“Südländer Typ 2“) sitzt zwischen anderen Fahrgästen.
Drei zivile Kontrolleure (K) stellen sich vor ihm auf
„Guten Tag, Ausweiskontrolle, Wir möchten gerne Ihren Ausweis sehen!“
„Meinen Ausweis?“ „Ja, Ihren Ausweis bitte!“
„Meinen Ausweis hab ich nicht dabei.“
„Sie müssen sich aber ausweisen können. Es gibt eine Ausweispflicht.“
„Ich muss doch nicht immer meinen Ausweis dabei haben.“
„Doch, müssen Sie. Wenn Sie sich nicht ausweisen können,
müssen wir Sie mitnehmen auf die Wache.
Da stellen wir dann Ihren Personalien fest. Kommen Sie bitte mit!“
S weigert sich.
„Wieso, nur weil ich meinen Ausweis nicht dabei habe?“
„Ja. Kommen Sie. Stehen Sie auf, los!“
S wird von zwei K hochgezogen und an die Türe gestellt,
mit nach oben ausgestreckten Armen und gespreizten Beinen.
Während ihn K2 festhält, tastet ihn K1 ab, zieht ihm
sein Portemonnaie
aus der Hosentasche und reicht es K2 weiter.
In diesem Moment versucht S wegzugehen.
„Halt hier geblieben.“
S wird im Polizeigriff festgehalten und auf den Boden gelegt.
Handschellen werden angelegt.
S stöhnt und ruft: „kann ich mal telefonieren?“
K3 telefoniert leise „wir haben hier eine männliche Person
– Südländer Typ 2
– ohne Ausweis – U8 Station ... wir brauchen einen Einsatzwagen“)
S wird hochgezogen, aus der U-Bahn bugsiert und abgeführt.
Bei allen Interventionen reagieren die Passagiere beunruhigt, manche
schauen
neugierig oder empört zu, einige entfernen sich möglichst unauffällig.
Bei vier Interventionen reagieren Passanten – überwiegend Frauen
- direkt
und mischen sich ein.
Schon im ersten Zug reagiert ein ca. 55-jähriger Mann und ruft „Was
machen Sie
da?“ „Was soll denn das?“ „Weisen Sie sich doch erst mal aus!“.
Auch eine junge
Frau mit zwei Hunden mischt sich ein. Wir ziehen die Aktion durch.
Sowohl der Mann
als auch die Frau steigen mit uns aus. Der Mann telefoniert sehr
aufgeregt mit der
Polizei-Notrufstelle. Wir erklären ihm, dass es sich um eine Kunstaktion
handelt und
wir genau auf solche Personen wie ihn hoffen. Jonathan dankt ihm
persönlich.
Der Mann lässt sich nach einiger Zeit beruhigen.
In einem weiteren Wagen versucht eine Frau (zwischen 60 und 70,
mütterliches
Wesen) die Situation zu entspannen: „Fassen Sie ihn doch nicht so
grob an!“
„Er kommt doch von selber mit.“ „Gehen Sie mit, junger Mann. Es
passiert Ihnen
nichts!“ „Lassen Sie ihn doch los.“
Bei einer Personenkontrolle ist eine unmittelbar neben Jonathan
sitzende Frau
sehr aufgewühlt und ringt sichtbar nach Worten.
Sie sagt dann „Was machen Sie denn? Warum machen Sie das?“
Eine ca. 30jährige Frau mischt sich bei unserer letzten Aktion (in
der S-Bahn) schon
nach den ersten Worten lautstark und heftig ein: „Was soll das?
Kontrollieren Sie
doch andere! Kontrollieren Sie mich. Hören Sie auf damit!“ Und schließlich
–
während wir mit Jonathan aussteigen - wütend: „Sie sind Rassistenschweine!“
Jonathan bedankt sich beim Aussteigen bei ihr: „Danke, dass Sie
mir geholfen haben.“
Pablo bleibt im Zug und klärt die Situation auf. Die Frau ist überrascht:
„Wow!
Das war aber sehr realistisch. Wir wollten schon mal was Ähnliches
machen, haben
das leider nicht hingekriegt.“ Sie sagt zu den anderen Passagieren:
„Sie sollten sich schämen, dass Sie nicht eingegriffen haben.“ Im
Zugabteil entsteht eine Diskussion
unter den Fahrgästen.
Nach dieser Aktion brechen wir erschöpft ab. Die Rolle als Kontrolleure
schlägt uns beklemmend aufs Zwerchfell. Es ist gut, dass sich einige
Menschen beherzt
eingemischt haben.
Wolfram P. Kastner / Institut für Kunst und Forschung
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